Donnerstag, 2. April 2020
Appetitlosigkeit
Als du starbst, lief mein Leben die ersten Stunden wie im Film ab. Als ob ich nur zusehe und gar nicht wirklich hier bin. Da bin. Es war zu absurd. Es war so surreal. Es konnte schlichtweg nicht sein.
Ich werde nie den Schmerz vergessen auf der Polizeiwache als ich das erste Mal deinen gequetschten Verlobung- und Ehering mit winzigen Blutspritzern in eine Plastikfolie gehüllt in der Hand hielt. Seit ich denken kann, hast du diese zwei Ringe nie abgenommen, weil du das nie wolltest noch konntest (physisch wie psychisch).
Bis zu dem Moment hat mein Hirn aus Schutz oder Überlebensmechanismus alle Puzzelteile noch als Systemfehler oder Missverständnis zu deuten versucht z.B. Die Polizisten bei dir zuhause, die Bademantel und Zahnbürste für DNA Tests mitnahmen; Dein Auto gemeinsam mit Polizei abholen und mit meinem Bruder heimfahren aus der Nähe der Unfallstelle; Dein Handy mit meinen ungelesenen besorgten Nachrichten an dich darauf in Händen halten. Erst mit den zwei verbeulten Gold Ringen ist es richtig zu mir durchgesickert. Erst da ist der aller letzte Groschen gefallen. Erst da ist meine aller aller letzte Hoffnung im Keim erstickt.

Die Zeit blieb stehen oder viel mehr lief mein Leben in einer anderen Zeitzone weiter als das Leben meiner Umwelt. Als ob irgendwer den Beat skippen würde auf der gigantischen Vinylplatte meines Lebens.
Jahreszeiten nahm ich nicht wahr. Uhrzeiten nahm ich kaum wahr. Wenn überhaupt, konnte ich registrieren das Sonnenlicht da war und dann wieder nicht.

Dadurch wurde Schlafen und Essen zu belanglosen Nebensächlichkeiten. Meine Nächte schwankten zwischen 4 und 7 Stunden Länge. Wieder einschlafen war einfach unmöglich. Meine Gedanken wollten einfach keine Ruhe geben. Es gab nur schmerzgetränkte oder völlig hohle Gedanken in mir.
Und ähnlich war es mit meinem Essverhalten. Ich hatte meinen Appetit völlig verloren. Erstmals in meinem ganzen Leben konnte ich Hunger ganze Tage vergessen, nicht aus Ärger, sondern aus Leere. Wo soll Hunger herkommen, wenn nichts regulär funktioniert in mir.

Ich aß bescheidene Portionen aus sozialer Norm oder Überfraß mich völlig sinnlos auf der Suche nach Wärmegefühlen. Meist machte mich dieses Überfressen nur müde und hörte relativ schnell wieder auf. Ich nahm weder zu noch ab, aber die Farbe in meinem Gesicht ging verloren. Mein Lebenshunger war verschwunden. Mein kultureller, genussvoller, neugieriger, gemeinschaftlicher Ausdruck im Essen war nicht aufzufinden. Essen verkam zu einer Sache, die man tun muss um zu (über)leben, zu arbeiten, zu funktionieren.

Ich war taub. Magentaub. Etwas das mir nur in einer sehr sehr viel abgeschwächter Art von einem einzigen Liebeskummer bekannt war. Es entsprach mir schlichtweg nicht.
Ich war kraftlos, lustlos, hoffnungslos. Und auch nur der Gedanke, wie ich dagegen ankämpfen könnte, war mir zu viel. Ich akzeptierte diese Umstände einfach. Ich ließ meinen Fressattacken und meinen Hungerphasen freien Lauf. Was dem eigenen Leben Farbe und Freude verleiht, muss im Leben jeder selbst rausfinden. Ich hatte meine Freude aus dem ahnungslosen Nichts verloren.

Ich stand völlig neben mir. Von null auf 180. Ohne jeden Dämpfer. Ich war jemand anderes geworden. Was für eine schmerzhafte und seltsame Erfahrung.

26./27.3.20

Bild: Kerem Suer | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/Oe5bXf5CUTU

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