Freitag, 27. November 2020
"Der richtige Weg zu trauern"
Bestatter Andy und Trauerrednerin Karla im Gespräch:

K. -Ich glaub wirklich, ich mach alles falsch grad. Mein ich...
Findest du ich gehe falsch mit meiner Trauer um?
A. -Carla, Ich mach den Scheiß hier seit ich klein bin. Ich kann dir gar nicht sagen mit wie vielen Hinterbliebenen ich zu tun hatte.
Manche wirken so als ob sie mit allem klar kommen. So.
Und anderen siehste an, dass sie sich nie wieder davon erholen werden.
Und Einige sitzen einfach da und es ist ihnen alles scheiß egal.
Wenn du mich wirklich fragst, ob es einen richtigen Weg gibt zu trauern... Nee.
Und wenn es keinen richtigen Weg gibt, gibt es auch keinen falschen.
K. -Du bist ein guter Freund, Andy
Du bist echt...
A. -Ja.
Alles gut?
K. -Ja.

aus: "Das letzte Wort" (Staffel 1 Folge 4),
Serienschöpfer: Thorsten Merten,
Autoren: Aron Lehmann und Carlos V. Irmscher,
Produktion: Dan Maag, Daniel Sonnabend
(C) Netflix | Pantaleon Films, 2020 Deutschland

notiert: 19.10.20 | 2

Bild: Skulptur "Loss" von Jane Mortimer
Foto: K. Mitch Hodge | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/IqSaG9zv2e0

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Donnerstag, 19. November 2020
Der Gang zum Altar - Einer Angst die Stirn bieten
S., die Cousine meines Lebensgefährten, hat uns auf ihre Hochzeit eingeladen. Es war eine sehr schöne Hochzeit, trotz Maskenpflicht, trotz Abstandsregeln, trotz Berührungsverboten, trotz Desinfektionsmitteln. Es war eine Feier voll Herz, Familienliebe und wahren Freundschaften. Ich hatte großen Spaß mich rauszuputzen, zu schlemmen, zu tanzen, herumzublödeln und hatte sehr sehr viel zu lachen.

Ich hatte große Ängste vor der nächsten (also dieser) Hochzeitsfeier. Für jemanden, der sich diese Feier selbst wünscht, hatte ich, wie ich finde, meinen Neid relativ gut im Griff. Naja, dass ich die Braut sehr gerne habe, half natürlich sehr. Dennoch floßen mindestens die Hälfte der knackigen kirchlichen Trauung (von unter 40 Minuten) meine Tränen.

Ich habe sichtlich einige Tränen vergoßen als die Braut mit ihrem Vater den Gang zum Altar nahm. Als mein Vater starb, war es v.a. der bloße Gedanke an unseren verlorenen gemeinsamen Gang zum Alter und der Gedanke an unseren verlorenen Vater-Tochter-Tanz, die mir immer und immer wieder die Tränen in die Augen trieben. Mit seinem Suizid hatter er uns beiden diese Momente für immer genommen.

Die große Angst davor live und direkt diesen Gang bei jemand anderes anzusehen war sehr lange größer als sie es im erlebten Moment dann tatsächlich war. Ja, es macht mich immer noch traurig zu wissen, dass ich 'das' nie bekommen werde. Aber meine Freude über S. Glück war in dem Moment einfach viel viel größer als meine Trauer.

Ich konnte so ziemlich jede Aussage der Pfarrerin in der Messe über eine Gute Ehe nachfühlen. Mein Lebensgefährte und ich haben ohne Eheschwur, bereits die (ersten) fiesen und schlimmen Zeiten und Krisen durchlebt. Wir sind als wir am Ende diverser Krisen wieder rausgekommen. Ich weiß, wo wir stehen, dass es "nur" eine fehlende Formalie ist. Aber das wir beide als Zeugen in dieser Kirche saßen ohne Ehering, macht mich etwas traurig. Ich weiß, was für ein Wahnsinns Team wir sind, aber ich will es auch von meiner Familie offiziell bezeugt wissen. So sehr ich mich fürs Ehepaar R. freue. So sieht der Neid in mir eben aus. Ich empfinde dafür keine Scham oder Selbstmitleid. Ich empfinde diese Gefühle als völlig gerechtfertigt und sogar gesund.

Es ist ok, aus Trauer, Neid UND Freude zu weinen auf einer Hochzeit. Es ist ja nicht so, dass die Tränen eindeutig unterschiedlich aussehen, jemanden stören oder gar überraschen. Mein Schatz hat meine Hand gehalten bei jeder Träne und jedem Lächeln. In solchen Momenten fühle ich mein Herz wortlos zu seinem Herz sprechen.

Manche Gefühle müssen einfach gefühlt werden um (später) wieder Freude zu empfinden und um lachen zu können.
Alles danach an dem Tag war für mich pure Freude. Das spüre ich jetzt noch nach, v.a. wenn ich die Fotos und Videos dieses Tages sehe.

Es war ein wunderbarer Tag, umgeben von Liebe.

17.10.20 | 2

Foto: Benita Elizabeth Vivin | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/R_OaxbsmDeA

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Dienstag, 10. November 2020
Egoistisch??
Die Trauer und das Vermissen haben einen ertragbaren Alltagslevel erreicht. Ich bin nicht mehr dauerhaft übersensibel, wenn man über Väter, Vaterrollen, Vatererinnerungen vor oder mit mir spricht. Ich glaube, meine Trauer hat sich im Alltag zurückgezogen.

Ein Alltag, der mit Corona Panikmache in den Medien, im Büro, Kurzarbeit, von fehlenden freien Plätzen (in meiner Personenanzahl reduzierten Trauergruppe) und von einer Wohnungssuche im Ballungsgebiet, (während dieser Krisenzeit) überschattet wird, lässt auch wenig Wahlraum zu.

Das die Trauer wieder hochkommt, kaum das sich ein Alltagsproblem löst, finde ich ironisch und typisch für mich. Kaum das wir eine Zusage für eine neue Wohnung haben, bin ich tief traurig. Ich bin traurig, dir davon nicht erzählen zu können. Ich bin traurig, deinen Rat nicht hören zu können. Ich bin wütend, dieses Problem ohne deine Hilfe bewältigen zu müssen. Und am wütensten bin ich darüber, dass ich dich bei großen positiven Entwicklungen vermisse. Es macht mich wütend, dieses Ereignis nicht ohne dein Fehlen zelebrieren zu können. Du bist der Anruf, den ich nicht machen kann. Deine Nummer ist es, die ich nicht wählen kann, aber wählen will.

Ich bin für immer eine andere durch dein Fehlen. Das ist ungerecht. Das ist scheiße. Und das hast du so bestimmt (wissentlich oder unwissentlich). Du fehlst mir.

17.10.20 | 1

Bild: Alexas_Fotos | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/kermit-frosch-telefonieren-telefon-1664758/

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Dienstag, 3. November 2020
"Das letzte Wort" - Serienempfehlung
Serienschöpfer: Thorsten Merten, Autoren: Aron Lehmann und Carlos V. Irmscher, Produktion: Dan Maag, Daniel Sonnabend (C) Pantaleon Films, 2020 Deutschland

Foto: Frederic Batier (C) Netflix
https://www.musikexpress.de/das-letzte-wort-staffel-1-bei-netflix-anke-engelke-holt-den-punk-auf-den-friedhof-1609761/

Anke Engelke Figur, Karla Fazius, verliert kurz nach der Feier zur Silberhochzeit ihren Ehemann. Im Schockzustand lernt man die Charaktere der Familie und alle ihre offenen speziellen als auch normalen Konflikte und Eigenheiten kennen. Karla trifft auf ein Geheminis ihres Mannes (von Beruf Zahnarzt) und reagiert darauf impulsiv mit der Entscheidung von Hausfrau und Mutter zur Trauerrednerin zu wechseln.

Anke Engelke brilliert in dieser Serie ihr schauspielerisches Können vor allem im ernsten Ton der Serie, aber auch absolut in den gut balancierten humorvollen Momenten.
Karlas Gegenspieler ist in der Serie Andi Borowski (gespielt von Thorsten Merten) und auch ihr neuer Chef. Die Dialoge allen voran zwischen diesen beiden Charakteren sind wie ein Feuerwerk anzusehen.

Die Serie hat mich positiv bewegt. Sie umarmt. Sie bringt mich zum Grübeln und Lachen. Diese Serie ist völlig absurd und überzogen. Dennoch ist sie ehrlich und realitätsnah und so bunt wie das Leben selbst.

Ich schätze Geschichten, die Trauer in keinen Rahmen zwängen und vom Rest des Lebens trennen, gar aussortieren. Trauer mischt sich nur zu gern mit anderen Gefühlen, deswegen überrumpelt sie uns ja auch immer und immer wieder.
Wenn wir Glück haben, sind wir stark genug sie mit anderen Gefühlen zu teilen, anstatt sie zu unterdrücken oder zu ersticken oder ihr allein die Oberhand zu geben. Das versucht die Trauer nämlich gerne, wenn man sie lässt.

Für mich ist meine Trauer nur ein noch größerer Grund über meinen Schatten zu springen und zum Leben "Ja" zu sagen. So gut ich es eben kann. Diese Serie spiegelt genau dieses Gefühl wieder.

19./28.10.2020

nützliche Pressekritiken

Katharina Riehl, Das Ende ist jedenfalls mal ein Anfang
16. September 2020, 18:53 Uhr, Süddeutsche Zeitung


Heike Hupertz, Sie weiß, was einen guten Nachruf ausmacht, 17.09.2020, 06:56, Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Dienstag, 4. August 2020
Mein Geburtstag
Meinen ersten Geburtstag nach meines Vaters Suizid habe ich mir ein volles Programm ausgedacht. Ich habe den halben Tag mit einer Freundin zwei Austellungen angesehen und die andere Hälfte mit Bowling Spielen sowie Bummeln auf einem Straßenfest in einer Gruppe aus meinem Partner, unseren Geschwistern und Freunden verbracht.
Mein Vater war durchaus Thema am Vormittag in diversen Gesprächen, aber ich bin dem Thema so gut es ging aktiv aus dem Weg gegangen. Ich fand, ich hatte das bisherige Jahr genug Zeit mit Trauer und Emotionsausbrüchen verbracht. Es war einfach Zeit für mich dran.

Dieses Jahr an meinem Geburtstag habe ich relativ spontan agiert. (Sicherlich lag das auch an Corona.) Es gab keine Pläne meinerseits, nur ein Familienabendessen bei meiner Mutter. In diesem zweiten Trauerjahr war ich an meinem Geburtstag den ganzen Vormittag traurig, trübselig, schwermütig. Ich war über Gratulationsanrufe und -Nachrichten sehr erfreut und dankbar. Aber das hat eben nur noch mehr an diesen einen fehlenden Anruf erinnert. "Hallo Tochter, wieder ein Jahr rum... Alles Gute...".

Du fehlst. Basta. Mein engeres Umfeld weiß und versteht das, dafür schätze ich es nur noch mehr.

Bild: Uplift Connect · 3. August 2020
Uplift Connect · 3. August 2020
Notiz an mich selbst: Du musst das hier für dich tun. Das hier ist für dich. Das ist nicht über irgendwenn. Lebe für dich. Ehre dich. Verliere das niemals aus den Augen.

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Donnerstag, 23. Juli 2020
Die tragische Komik
Stern · 8. August 2019
gefunden am 9.8.2019
Stern · 8. August 2019

Vielleicht sind die besten Comedians auch die traurigsten Menschen. Sie sind unsere Lehrer. Sie lehren uns wie man auch in der Tiefe und in der Dunkelheit Hoffnung finden kann.

23.7.20

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Donnerstag, 9. Juli 2020
Vermissen: Mein "Wer wird Millionär" Allzweck Joker
Nachdem ich die Dokumentation "The Kingmaker" 2019 von Lauren Greenfield gesehen und mich mit meinem Freund ein bisschen darüber ausgetauscht habe, frage ich mich: Was hätte mein Vater dazu zu sagen? Welches Hintergrund Wissen und Geschichtskenntnisse zum Thema hatte mein Vater?

Mit meinem Vater über solche Themen zu sprechen war wie privater Unterricht an meine Interessen angepasst. Mein Vater war meine Wissensquelle Nummer eins. Er wäre mein Mann für alle drei Joker bei der Sendung "Wer wird Millionär?". Er war mein Gandalf, mein Meister Joda und mein Maester Aemon in einem. Natürlich war sein Wissen in bestimmten Themengebieten dichter und verlässlicher als bei anderen. Aber er hat mir sehr viel beigebracht und hat leider diesen Stellenwert in meinem Leben am Ende seines Lebens völlig verdrängt und unterschätzt. Vielleicht habe ich es ihn auch die letzten Jahre weniger spüren lassen. Die Ungewissheit darüber und eine gewisser Rest an schlechtem Gewissen bleiben.

Er fehlt mir am meisten bei diesen banalen kleinen Freuden des Alltags wie einer Diskussion.

12.06.2020

Bild: Aris Sfakianakis | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/AtLajzgFyAQ

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Montag, 6. Juli 2020
How do I give my daughter what my mother gave me?
by Liz Climo

10 years after my mom died, my daughter was born. I thought I'd reached the bottom of my grief. I was wrong. […]

She left us too soon, but she left her children with the memory of being loved unconditionally. I realized the best way to honor her memory was to find a way to love myself that much, even in her absence. What an incredible gift that has been.

Ten years after she died, I welcomed my own child into the world. I thought I'd reached the bottom of my grief, but found I was actually sitting on a mountain of feelings I didn't even realize were there. Initially, I was just angry. Angry that this new person would never get to know her wonderful grandmother. Angry that I couldn't pick up the phone and ask my mom how she handled this or that. I wanted her to say to me, "You used to do that, too! You were such a pain in the ass." I missed her levity, I missed her love. I just missed her.

When I was done feeling sorry for myself, I started feeling something new: panic. How do I give my daughter what my mom managed to give me? Can I? My mom was so much fun. She'd sing with us, and dance with us, and bake with us, and laugh with us. Am I fun? Sometimes I think I am. I'm usually the first person on the dance floor, but I'm also the first person to leave the party. I hate baking; it's too messy. I hate a messy house and I can't cope with chaos. Our house growing up was the definition of chaos: always filled with people, and always a disaster. As a kid, I loved that. It felt so warm, easygoing and comfortable. Could I be easygoing like that, or does our house feel sterile? Do I have the warmth she had — the warmth that made me feel so loved? Will my daughter feel as loved as I did? […]

Like me, I'm sure she had her doubts about whether she was going to screw her kids up somehow. Still, to me, she was perfect, and the reason for that was simple: She made a conscious choice to get to know me, to connect with me, and to always make me feel safe and loved. That's it. In a way, it's the easiest thing in the world to do as a parent, but on the other hand, it's easy to forget since we put so much pressure on ourselves to do everything right all the time.

I'm not sure if it's having a child of my own or just getting older and learning more about myself, but every day I feel like I'm getting to know my mom in a new way. I still miss her so much, but I feel like she's still here with me. When my daughter is kind, I know that in a way her kindness started with my mom. She's always the first to notice when another person feels sad, or scared, or lonely, and makes sure that person feels seen, just like her grandma did.[….]

I see all of these things in myself, and in my daughter — this lively, loving, charismatic little girl — and think to myself, "That's mom." I realize this, and I can almost see my mom smiling as if she were standing right there with me. And I smile too.

from: Liz Climo , Mothering without my mom: How do I give my daughter what my mother gave me? 10.5.2020, © 2019 Salon.com, LLC

Bild: MateoGranado | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/vogel-kolibri-natur-ave-tiere-5260466/

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Samstag, 20. Juni 2020
Gewöhnliche Trauer
Das Schlimmste am erlebten Gefühl ist die Erkenntnis, das dieser persönliche Schmerz völlig normal ist. Der Lauf der Dinge eben. So normal... Diese Liebe war außer-gewöhnlich und das schmerzt am meisten.

Das die Welt voran zieht als ob dein Leben nichts war. Für mich warst du so viel. Für mich bist du Wurzeln. Für mich warst du unaufgeregt, ehrlich und bescheiden. Das sind deine Tugenden, die nicht mehr so ganz in diese Zeit passen wollen und deshalb nur umso schöner waren.

Manchmal v.a. Morgens in der Stille denk ich an dich und ertrage meine Gefühle kaum. Ich sehe Lieder aus meiner alten Playlist und der Schmerz sticht wieder. Mein großer Bruder sagte mal; der Schmerz vergeht nich. Er wird nur schwächer, erträglicher.

Ich verstehe endlich die Sehnsucht nach einer Tattoowierung. Das Bedürfnis dir zu Ehren eine Narbe von Bedeutung zu tragen. Die Narbe sichtbar zu machen.

Denn der Schmerz ist real. Er ist überwindbar. Aber in jedem Fall schmerzhaft. Ich ertrag diesen. Denn für mich ist dieser Schmerz der Beweis, dass die Liebe so groß ist und auch bleibt. Ich hoffe du siehst die Tränen da oben nicht, sondern die Liebe. Die Liebe bleibt. Versprochen. 20.1.18

Bild: Trym Nilsen | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/eXV-LsWfCOo

Grief is so common. What an disappointment to be as vulnerable as anyone else. 12.4.18

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Dienstag, 19. Mai 2020
Über Trauer
Trauer hat viele Gesichter und schleicht sich auf die unterschiedlichsten Arten an. Sie ist nicht immer nur gewaltsam und schmerzhaft. Sie kann auch bittersüß und zart sein. Trauer ist so bunt wie ein Chamäleon. Nur zeigt sie eben nicht all ihre Facetten und Farben auf einmal.

Ich habe früh gesehen wie mir nahe stehende Personen trauern (meine Mutter um ihren Vater, mein Bruder um seinen Lebensgefährten) und ich habe erlebt wie sie sich mit der Trauer verändert haben.
Von Berufswegen habe ich einiges über Bücher in dem Segment "Tod & Trauer" aus sachlicher Sicht gelernt u. a. die neutrale wertfreie Sprache; wie Stimmungsbilder Worte fixieren und materialisieren helfen; das Trauer jeden treffen kann völlig gleich welchen Geschlechts, Alters, Ethnie oder Wohlstands. Trauer ist höchstpersönlich und daher in jedem Fall individuell anzuerkennen. All diese Faktoren sind rein sachlich also nichts Neues für mich.

Aber von Innen sieht Trauer grundsätzlich anders aus als von Außen. Selbst einen schweren Verlust zu verkraften verändert Menschen. Zusehen wie jemandem so etwas geschieht ist schlichtweg passiv. Trauer ist zwar eine universelle Erfahrung, die jeden Menschen irgendwann einholt, aber sie ist ohne persönliche Erfahrung nur ein Begriff. Und dann auch noch ein Begriff der ungern im Alltag oder in der allgegenwärtigen Medienwelt aufgegriffen wird. Unsere Gesellschaft hat neben den Religionen in Form von Gemeinden und deren Friedhöfen keinen greifbaren Raum für Trauer.

Dann kommt noch der persönliche Entwicklungsprozess hinzu. In den ersten Tagen, den ersten Wochen, den ersten Jahren zeigt sich Trauer anders als nach diesen ersten Zeitspannen. Es heißt nicht umsonst: Schmerz vergeht nicht, man lernt nur mit ihm zu leben.
Ich halte einen Vergleich mit dem Verlust eines Organs hier für sehr treffend. Man kann z. B. mit einer statt zwei Nieren Leben, aber man ist schlichtweg angreifbarer. Man verliert einen Teil seiner Sicherheit und seiner Unbeschwertheit mit diesem Organ. Genauso ist es mit dem Verlust einer nahestehenden Person. Die Psyche verliert an Halt ohne diese vertraute Person. Man muss also lernen ohne diese Person klar zu kommen. Je weiter man in diesem Prozess ist, je besser lassen sich die Trauer und der zugehörige Schmerz aushalten. Dennoch wird es immer Aktivitäten geben, die man nun nicht mehr wahrnimmt. Diese sind zu gefährlich, zu schmerzhaft oder lösen unwohl sein aus. Bei einer fehlenden Niere genauso wie bei einer fehlenden Person können z.B. übermäßiger Alkoholkonsum unschöne Ereignisse, Gefühle oder Schmerzen provozieren, die schwer auszuhalten sind.

Daher spreche ich häufig von einem "Vorher" und einem "Nachher". Es gibt ein Leben vor dem Einschlag und ein Leben danach. Es handelt sich um die emotionale Äquivalenz zu gesellschaftlichen Ereignissen in Größenordnungen wie z. B. die Erkenntnis des Klimawandels 2019, dem Anschlag auf das World Trade Center 2011, dem Zweiten Weltkrieg 1939. Für mich persönlich war der Tod des Vaters meines erwachsenen Patenkindes 2017 so schlimm wie die Erkenntnis des Klimawandels, der Tod meiner Großmutter 2016 war für mich schwer wiegend wie der Anschlag auf das World Trade Center und der Tod meines Vaters 2019 hat alles für mich verändert wie es der Zweite Weltkrieg für unsere Gesellschaft hat.
Vor dem Tod meines Vaters hatte ich ein starkes Sicherheitsgefühl; musste weniger Verantwortung schultern; war deutlich Risikofreudiger. Nach dem Tod meines Vaters bin ich verängstigter durch mein Leben gegangen; ich musste Verantwortungen tragen lernen, die mir zu schwer waren; ich hatte die Zuversicht für meine Zukunft eingebüßt und begriffen wie kurz das Leben ist.
Vor allem musste ich unglaublich viele meiner Reserven für etwas aufopfern das unausweichlich und wie durch höhere Gewalt verursacht war. Alle Ziele in meinem Leben wurden einfach so auf Null gesetzt oder in eine Kiste tief im Schrank vergraben und auf unbekannte Zeit aufgeschoben. Ich fühlte mich meines Lebens enteignet. Als müsste ich mir jeden Zentimeter in meinem Leben zurück erobern.

Jemanden verlieren, der einem so viel bedeutet, bedeutet Evolution im Zeitraffer durchleben sowie zugleich unerträglichen Stillstand aushalten. Manchmal wechseln sich diese völlig gegensätzlichen Zustände tageweise ab. Und irgendwann setzt beides vorübergehend aus. Irgendwann setzt beides mehr und mehr aus. Irgendwann setzt beides völlig aus und setzt aus dem Nichts wieder ein, weshalb ich den Begriff Trauerwelle so passend finde. Wellen kommen mal stärker, mal schwächer, meist im Doppeltakt. Und sie folgen der Ebbe und der Flut. Zwar kann Trauer in Zyklen erscheinen, so wie ich in Zyklen Kontakt mit meinem Vater hatte, aber sie kann auch aus dem nichts erscheinen und mir eine schöne Sache versauen. Erst mit der Erfahrung und mit der Akzeptanz des nicht-kontrollieren-Könnens, erreichte ich einen erträglichen Zustand, auch mit schweren oder leichten Trauerwellen. Mein emotionaler Reifegrad hat sich mit dem Verlust meiner Großmutter und einem schwierigen ersten Trauerjahr merklich verändert. Aber einen immens großen Sprung hat dieser Reifegrad vor allem mit dem Verlust meines Vaters gemacht.
Je mehr ich erfahre und erlebe, je mehr begreife ich loszulassen und in mir zu ruhen. Ich bin kein Mönch, natürlich habe ich Reaktionen und Ausraster, aber ich bin seither jemand anderes oder sagen wir ich bin noch mehr ich geworden: Ich verzeihe noch schneller. Ich graule weniger. Ich vertraue mehr in meine Instinkte und mein Bauchgefühl.

Trauer ist weder gut noch schlecht. Sie ist Teil der Natur, Teil des Lebens und nun auch ein wichtiger Teil meines Lebens.

13.05.20

Bild: The Mind Unleashed · 14. Oktober 2019
mehr unter: Celeste Roberge Homepage
The Mind Unleashed · 14. Oktober 2019

„Das Gewicht von Trauer. Dieses außergewöhnliche Künstlerin (Celeste Roberge) hat einen Weg gefunden das körperliche Gefühl von Trauer zu vermitteln.“

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