Dienstag, 7. Januar 2020
Wenn ich den Boden berühre
Wenn ich den Boden berühre,
mir die Schuhe zuschnüre,
atme ich tief ein und aus,
dann komme ich in Kontakt mit dem Scherbenhaufen.
Ich beginne zu gehen, zu laufen.
Dieses knirschende Geräusch hat sich schleichend
von Graus zu Ohrenschmaus gewandelt.
Es hat den Lärm in meinen Gedanken behandelt,
mich zurück ins Hier und Jetzt gezwungen,
raus aus meinen gelungenen Erinnerungen.
Es ist ein zuverlässiger Klang wie das Knistern
im Staubsauger-Rohr beim über den Boden gleiten,
wie sich die Sinne weiten.
Es ist fast ein Klanggedicht für mich.
Wenn innerlich alles unruhig ist,
aber nichts nach außen dringt,
beginnt bei dem Klang des Knirschens mein Seelenfrieden.
Ich muss mich nicht biegen
Ich kann in aller Ruhe die Scherben zusammen kehren,
mich in mich kehren,
und mich Stück für Stück wiederfinden,
den Abfall, das Verbrauchte, das Verrottete binden.
Die Oberfläche des Bodens ist wieder klar und eben.
So öffnen sich meine geistigen Ebenen.
Mit jeder aufgekehrter Scherbe,
mit jedem Knirschen,
erkenne ich nach dem Hall, nach dem Schall,
den Boden wieder. Setze mich nieder,
und komme neu auf diesem Boden an,
erkenne den Klang der Stille an,
und erkenne mich selbst wieder,
wenn auch ein neuer Tag
nach der Metamorphose angebrochen ist,
mit neuem Mist.

19.11.19

inspiriert von "Vertraue jetzt der Dunkelheit"
bzw. Originaltitel "Trust the darkness now"
von Jeff Foster, Deutsche Übersetzung von Michael Kurth

Bild: Fotoworkshop4You | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/ruine-verfallen-verfall-verlassen-1563208

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Mittwoch, 1. Januar 2020
Jahresrückblick
Am ehesten lässt sich mein Jahr 2019 im Rückblick mit den 5 Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross beschreiben:
Phase 1: Das Leugnen...
Phase 2: Der Zorn...
Phase 3: Das Verhandeln...
Phase 4: Die Depression...
Phase 5: Die Akzeptanz...

Januar
Die Ruhe vorm Sturm habe ich nicht erkannt. Meine Arbeit legt jährlich im Frühjahr an Fahrt zu, sodass ich den Frieden und die wachsende Unruhe in der Familie als Arbeitsstress abtat.

Februar
Die Phase 1 (Leugnen) hatte nicht viel Raum, weil schnell Krankenhauspersonal u.a. eine Traumatologie, zwei Polizisten, und eine Bestatterin involviert waren. Mein Funktionieren setzte instinktiv ein.

Februar bis Juli
Die Phase 2 (Zorn) habe ich mir selbst anfangs völlig verboten zu fühlen, sodass sich die Phase 3 (Verhandeln) sehr viel Platz erlaubte. Auch wenn sie mit Phase 1 (Leugnen) Pingpong spielte war Phase 3 (Verhandeln) bereits bei der Unterlagensuche für die Bestatterin omnipräsent. Sein Tod ergab einfach keinen Sinn.

Mai bis Oktober
Während ich für Vaters Nachlass funktionierte verhandelte ich regelrecht wider meinen depressiven Gefühlen. Ich würde mich als funktionale Depressive bezeichnen. Ich funktionierte mindestens ein dreiviertel Jahr, obwohl ich meine Depression bereits nach einem halben Jahr als solche erkannte, wenn auch nicht akzeptierte. Zusammenbrechen war für mich einfach nicht möglich. Ich hatte ja auf einmal eine kindlich hilflose Mutter in ihren 60igern und zwei launische Teenager Brüder in ihren 30igern zu beschützen.

Oktober bis Januar
Erst als der Nachlass in geregelte Bahnen geriet wurde langsam die Phase 2 (Zorn) lauter. Ich lies zum Teil los, weil ich den Zorn meiner Geschwister sah und erkannte. Und diesen ebenfalls fühlte. Das Gefühl im Stich gelassen zu sein, das Gefühl nie bzw. für mich nie lange sein Mittelpunkt gewesen zu sein, wurde sehr laut.
Die Frustration der Depression wechselte sich mit dem Zorn ab.
Um dann in der längsten Stille der Depression, während dem Warten der gerichtlichen Verhandlung und des nahenden Urteils zum Thema Mietrecht setzte die Phase 5 (Akzeptanz) erstmals richtig ein. Ich agiere das ganze Jahr schon mit einer infizierten offenen Wunde. Ich reflektierte endlich.

Bild: Alexander Milo | pixabay.com
https://unsplash.com/photos/60hLWtphCiY

Meine Seele ist erschöpft. Nie zuvor war meine Seele so erschöpft und verbraucht und Wund. Ich akzeptiere den Verlust und sein einhergehender Schaden. Ich akzeptiere eine andere zu sein ohne meine älteste Konstante, wenn auch widerwillig. Ich akzeptiere die Antwortlosigkeit seines Todes trotz dem lauten präsentem "Aber". Ich tue das in der Stille und im Lärm meines Lebens. Seit einem halben Jahr gehe ich nun monatlich in eine Selbsthilfegruppe für Trauernde von Suizid Hinterbliebenen und merke wie meine Trauer fast unbegrenzten Raum in ihr erhalten hat, die meine Familie nur in sehr kleinen Flächen zulässt und auch von meinem Lebensgefährten zu viel Platz abverlangt hat.
Ich hadere mit dem Zustand meiner Familie. Ich will die Arbeit an ihr niederlegen um an mir zu arbeiten, fürchte mich aber zu sehr vor ihrem Verlust. Das neue Jahr muss viel Ich und viel mein Partner & Ich im Vordergrund haben, sonst wird meine Seele nicht heilen können. Ich weiß das, aber fürchte mich vor dem Wie.

Dieses Jahr war kräftezehrend und hat mich auf ungeahnte Weise schmerzlich enorm wachsen lassen.

Dieses Jahr habe ich erkannt, das für mich Arbeit Mittel zum Zweck ist und mich nur unwesentlich definiert. Das im Grunde nur die Menschen, das Gehalt und meine Entfaltungsmöglichkeiten mich an die Arbeit binden. Da zwei von drei Faktoren schrumpfen, sinkt das Gewicht dieser Lebenssäule.

Dieses Jahr hat mich dem Kern meines sozialen Umfelds näher gebracht und mich vom unwesentlichen Teil meines sozialen Umfelds entfernt. Das ist eine erstaunliche, wenn auch schmerzhafte, Erfahrung.

Dieses Jahr hat meine Beziehung an seine Grenzen und darüber Hinaus befördert. Wir sind unsere eigene Familie, ein kleiner fragiler wachsender Ableger unserer Eltern und zugleich unsere eigene Liebesgeschichte.

Dieses Jahr hat mich meinen Bedürfnissen, meinen Bewältigungsmechanismen, meinen Leidenschaften näher gebracht. Wenn man sich selbst verliert, findet man sich selbst in seinen Leidenschaften am schnellsten wieder. Wenn ich Musik wie die von Lizzo höre, lebe und feiere, ... Wenn ich mit Farben in aller Ruhe kleckere, ... Wenn ich Chemie anwende um genussvolles Gebäck zu erschaffen, bin ich ganz bei mir. Dann spür ich mich selbst in meinen Leidenschaften wieder. Zu Wissen wer man ist, erleichtert die Selbstversorgung immens.

Bild: Aldertree | pixabay.com
pixabay.com/de/photos/r%C3%BCckspiegel-perspektive-835085/

Ich bin froh 2019 in naher Zukunft im Rückspiegel vorbeiziehen zu sehen. Ich bin froh im Februar 2020 mein erstes Trauerjahr überstanden zu haben. Die Angst vorm zweiten Trauerjahr ist präsent, aber ich kenne meine Lebensfreude und weiß woher sie Kraft schöpft.

Also nehme ich all meinen Mut zusammen und hoffe auf ein gutes neues Jahr 2020... mit Urteil, mit Familie auch ohne Zusammenhalt, mit Therapie, mit viel Arbeit vor mir.

30.12.19

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Mittwoch, 25. Dezember 2019
Himmelanruf
VISUAL STATEMENTS · 30. November 2019

Bild: VISUAL STATEMENTS · 30. November 2019

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Dienstag, 24. Dezember 2019
Pain
"Life is pain, highness.
Anyone who tells you differently
is selling something."

quoted Jamie Lee Curtis in an Interview
from "The Princess Bride" written by William Goldman

Bild: Liz Sanchez-Vegas / unsplash.com
https://unsplash.com/photos/-hm_Ez8Dp0o

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Montag, 23. Dezember 2019
Christmas fears
Every step closer towards Christmas is hurting more. I feel my body getting tense every week further into the advent. How my mind gets restless and I get busy to ignore it.

At first I went from one appointment to another, had real fun, because these activities are part of the Christmas season and didn't concern my family. All appointments with my colleagues, just my friends and my mans parents, all not affected from my fathers loss, were blissful. They were all familiar joyful traditions and usual nice warm comfy get togethers.

I baked and felt happy digging my hands in the dough, smelling this well known cookies in the oven. And it starts to cut, knowing how I won't give a bag of cookies to my father this year and all years to follow. I push the pain away. I try to put on a brave face.
But all of these nice greetings as honest as they are meant, they have nothing to do with my peak of the season. This season won't be like the ones I used to know. My colleagues might have the merry Christmas I wish them, but I won't. My family won't. That's definite.

I know Advent cumulates into three nights, that I usually spent with my family and close friends. Usually this is the best part of it all. Just be with the ones that hold your back all through the year. Be together. Be loud together. Eat crazy much together. Celebrate, be dumb and lazy together.
Instead the peak of my advent will be definitely the lowest of lows of this first painful year of grief.
We will be just partly together. One will definitely be missed. And we will be silent. We will eat somehow a bit. We will be reflective, thoughtful, and restless together and all alone at the same time. I'm saddened before Christmas is even here. I feel how the things, that used to be the most joyful turn into the most agonizing things of all. How can that even be? Well, this Christmas is not the same as I lost my father this year. He chose to be not here with us. This decision he made clear minded or depressed, either way the results hurts.

And believe me, the fear of the pain of a certain day is often more hurtful than the pain itself. Just like the time around his Birthday was and probably like the time around his death day will be, which is also getting closer... This is just too much too bear.

20.12.19

Bild: Jan-Henrik Franz | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/q-Walm-CVaY

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Mittwoch, 18. Dezember 2019
In deinen Schuhen
Betrunken von deinem eigenen Schmerz,
erkennst du den Schmerz der anderen nicht.
Selbst für die Schmerzen deines Partners
bist du blind.
Ihr lebt unter einem Dach, schlaft im selben Bett
und doch bist du blind.
Du hast kein Verständnis für dein gegenüber.
Du redest dich mit deinen eigenen Schmerzen raus
aus der Verantwortung.
Das ist genauso richtig wie falsch.
Und du weist das.
Er weiß das.
Der Lebebsraum ist geschrumpft auf die Schmerzen.
Da sitzt ihr nun jeder in seiner Ecke
und leckt eure Wunden.
Du bist ernsthaft enttäuscht,
dass er dich nicht aufbaut.
Und doch baust du ihn genauso wenig auf
und wenn du es doch versuchst,
dann nicht mit ganzem Herzen.
Denn dein Herz ist schwer und giftig für ihn.
Und so seid ihr beide gemeinsam einsam.
Seid beide depressiv.
In deiner Erinnerung wart ihr besser als Paar.
Du klammerst dich an die Hoffnung,
dass ihr das noch immer sein könnt.
Denn damals hat es noch keine Scheiße geregnet.
Du wartest darauf, dass der Sturm vorbei zieht.
Nur dachtest du, er würde niemals so lange andauern.

15.11.19 / 4

Bild: analogicus | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/kette-metall-technik-massiv-4562365/

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Montag, 16. Dezember 2019
Adventsgefühle
Ich verbinde mit Weihnachten und dem zugehörigen Advent viele gute Erinnerungen. In meiner Kindheit war das immer mein liebstes Fest wegen der Dekoration, der Lichter, der kitschigen Figuren, die tollsten Farben, im wärmsten Licht in der Kälte.
Ich hatte die Gewissheit alles wird gut. Selbst wenn Streitigkeiten in manchen Jahren Weihnachten bedrohten, gab es immer ein Festmahl, gab es immer Geschenke, gab es immer Liebe in meinem Zuhause v.a. für die Kinder.

Ich vermute, dass ich als Erwachsene diese Liebe, diese Weihnachtswärme von Innen nach Außen erweitert habe. Ich versuchte meine Backfreude an andere weiter zu geben. Als ich Kind war, schickten meine Großeltern uns jedes Jahr ein Paket mit selbst gebackenen Plätzken. Und wenn ich bloß eine kleine Aufmerksamkeit verteilte, so hatte ich immer das Gefühl meine Adventwärme zu teilen und sie selbst damit noch intensiver zu erleben.
Dieses Jahr bin ich dazu vielleicht nicht in der Lage oder muss es zumindest eine ganze Nummer kleiner angehen.

Aber zu meinem Erstaunen nehme ich die andere Seite dieses Jahr intensiver wahr. Ich spüre sehr viel Wärme diesen Advent von Freunden. Ich habe glücklicherweise Gleichgesinnte in meinem Leben. Sie machen genau dasselbe, während ich es nicht kann. Ich lerne wieder anzunehmen, lerne Demut, lerne Dankbarkeit.
Der Advent ist übersäht mit Familienerinnerungen wie ein Weihnachtsgebäck mit Zuckerperlen. Ein bisschen fühlt es sich an als würde ich mich auf ein Nadelkissen setzen. Es sticht dumpf.

Aber die Wärme meiner Freunde und meiner Zweitfamilie erreicht mich. Mehr noch diese Wärme tröstet mich jetzt und vielleicht bis in eine Zukunft in der Advent weniger sticht.

10.12.19

Bild: Aaron Burden / unsplash.com
https://unsplash.com/photos/Mu_9w7l1koI

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Donnerstag, 12. Dezember 2019
"Der Tod ist sehr friedlich"
"Ich wünschte mir, ich könnte ihnen allen erklären, was ich gesehen habe. Dass mit dem Tod meist ein Friede einhergeht, der unseren Horizont übersteigt. Und dass die Energie eines Menschen niemals mit seinem Körper begraben wird. Die Energie bleibt. Das ist kein Glaube, sondern ein physikalisches Gesetz. Ich für mich weiß, Menschen kann man nicht auf ihr Schicksal reduzieren. Nicht einmal, wenn sie gestorben sind. Nicht wenn sie trauern. Nicht wenn sie krank sind. Menschen sind weit komplexer als das, was wir von ihnen zu Gesicht bekommen. Von einem todkranken Menschen geht manchmal eine unbändige Kraft aus. Und die bleibt. Weit über den Tod hinaus."

aus: Christine Rickhoff, "Der Tod ist sehr friedlich"
Wie es ist, mit 21 im Hospiz zu arbeiten, Barbara 2019


gesehen 5.11.19

Bild: truthseeker08 | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/hospiz-hand-in-hand-pflege-1793998/

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Sonntag, 8. Dezember 2019
Alltägliche Schönheiten
Wie leicht man die alltägliche Schönheit der Welt übersieht,
weil sie selbst stetig davon ablenkt.

15.11.19 / 2

Bild: DarkWorkX | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/windräder-wolken-sonnenlicht-3865293/

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Samstag, 30. November 2019
Mit vollen Händen
Das Leben kommt und geht in Wellen.
Man kann den Rythmus nicht beeinflussen,
nur die Reaktion darauf trainieren.

Umso wichtiger die Glücksmomente zu nehmen
wie sie kommen,
denn die Momente der Trauer und des Schmerzes
holen uns alle ein.
Dagegen ist niemand gefeit.

Mit vollen Händen leben möchte ich noch mehr,
seit mir die Endlichkeit mehrfach begegnet ist.

12.11.19

Bild: Hugo Ruiz | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/e2pVrE1PYzs

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