Freitag, 17. Januar 2020
Das Gesicht einer Depression
Ich schaue in unsere Familienfotos. Ich sehe die Fotos vom letzten gemeinsamen Weihnachten 2018. Du warst bei uns, mit uns. Du hast an dem Abend durchaus gelacht. Ich sah und sehe es dir weder auf den Fotos noch in meiner Erinnerung an.

Chester Bennignton sagte mal in einem Interview: "Dieser Ort hier, zwischen meinen Ohren, ist eine miese Nachbarschaft... Ich sollte hier nicht zu lange alleine rumlaufen... Die meisten meiner Probleme habe ich selbst verursacht..."

Diese Aussage ist nach dem Suizid eine ganz andere Nummer. Wir haben es gehört, aber verstehen den Ernst der Lage erst viel zu spät.

4.1.2020

Bild: The Mind Unleashed 2. Dezember 2019

Quelle: The Mind Unleashed 2. Dezember 2019 Facebook
"So sieht eine Depression aus..."

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Montag, 13. Januar 2020
Schlaf
Ich war mein Leben lang gesegnet mit gutem Schlaf. Bis ins erwachsenen Alter habe ich das nie hinterfragt, sondern als gegeben und geerbt verstanden.
Erst später traff ich Menschen, deren Schlaf schlecht bis quälend für sie ist. Seitdem versuche ich zu verstehen, wo der Unterschied zwischen mir und ihnen liegt.

Meine Genetik und meine Gesundheit spielen eine große Rolle bei dem Thema. Aber inzwischen bin ich überzeugt, dass meine Psyche und v.a. mein reines Gewissen die größere Rolle hierbei spielen. Ich führe mein Leben so Gewissenhaft wie ich kann. Bei meiner Erziehung gespickt mit katholischen Schuldgefühlen, ist das wohl kaum ein Wunder. Außerdem habe ich oft genug erlebt wie mein schlechtes Gewissen oder mein Unterbewusstsein oder meine Psyche mir im Schlaf die graußigsten emotionalen Alpträume verschafft haben.

Einerseits ist das gut und richtig, weil mich diese Träume zur Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen zwingen und für einen freien Kopf sorgen. Andererseits ist diese verkopfte Art von mir bei einer echten Krise problematisch.

Ich bin ein Macher, wenn es darum geht Krisen zu bewältigen. Da aber bei der Verarbeitung eines Suizid vor allem Geduld und Zeit essenziell sind, bedeutet das einen Schritt nach den anderen gehen und durchleben. Das widerrum bedeutet für mich meine Gedanken lange aushalten oder zum Schweigen bringen und heftige Träume durchleben. In meinen Träumen greift meine Psyche Probleme an, vor denen ich wach regelrecht weglaufe. Sie sind mir zu viel im wachen Zustand. Die Folge ist Schlafentzug. Ich gehe nicht mehr gerne schlafen, weil zu oft Alpträume auf mich warten, die meiner Realität viel zu ähnlich sind.

Wie viel Glück man im Leben hatte, weiß man immer erst wenn es nachlässt.

Nun lerne ich wieder mich zu verausgaben ehe ich schlafen gehe oder lerne mit weniger Schlaf zu recht zu kommen. Alles um meiner Psyche nicht zu viel Zeit auf ein mal für Aufräum-Aktionen in meinen Gedanken zu geben. Wer weiß was sie dabei dort findet?

Die Ungewissheit begleitet uns alle, aber je schlimmer unsere Lebenserfahrung ist, je größer können sich Ängste vor der Ungewissheit aufbauschen. Der Suizid meines Vaters ist Teil meiner Lebenserfahrung, ich werde der Ungewissheit immer mehr Dunkelheit zutrauen als Menschen mit anderen Erfahrungen.

Die Ungewissheit nach diesem Einschlag hat mir mein Selbstvertrauen verhagelt. Es ist nicht verloren, aber es hat einen schweren Schlag erlitten. Es fühlt sich an als ob meine Psyche das gehen erneut erlernen müsse.

Alles was ich mir selbst schenken kann, bei diesem Prozess ist Zeit und viel, sehr viel Geduld.

Dabei werde ich Menschen in meinem Leben verlieren. Auch wenn dann schöner weise nur die für mich guten Menschen übrig bleiben werden, so wird sich mein Radius, mein Umfeld einschränken. Das ist machbar, aber eben nicht freiwillig und schon gar nicht schön.

Das erste Einschlafen fällt mir leicht, dass wieder einschlafen hingegen gelingt mir so gut wie nie seit seinem Tod.

Ich erinnere mich selten an meine Träume, aber fast immer an das vorherrschende durchlebte Gefühl meines Traumes. Kein Wunder also das ich mit depressiven Wachgefühlen reagiere. Es füllt sich auswegslos an, als ob ich immerzu im selben Labyrinth feststecke. Ich kenne den Weg raus, aber ich traue mich nicht zu gehen. Vermutlich weil das Labyrinth längst in mir steckt. Und ich nicht erwarten kann, dass jeder dieses mit mir aushält. Das macht einsam.
Trauern findet viel allein statt. Jeder hat ein anderes Tempo und einen anderen Bezugspunkt zum Verstorbenen.

Es wird besser mit jedem Schritt im Labyrinth, aber es wird anders.

19.11.19

Bild: geralt | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/schlafen-frau-gehen-allein-angst-2754908/

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Freitag, 27. Dezember 2019
DONE
Herz: Ich bin fertig. Ich kann nicht mehr.

Hirn: Du bist fertig?

Hirn: Du bist verletzt. Du bist ausgelaugt. Aber du bist NICHT FERTIG.

Herz: Okay, dann ruhe ich mich bloß aus.
Hirn: Okay.

The Awkward Yeti · 26. November 2019

Bild: Heart and Brain by The Awkward Yeti · 26. November 2019

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Donnerstag, 26. Dezember 2019
"Vertraue jetzt der Dunkelheit"
"Wenn Du verloren bist
Wenn nichts mehr Sinn hat
Wenn all Deine Wegweiser
eingestürzt sind
Wenn das alte Leben jetzt zerfällt
Wenn der Geist vernebelt ist, müde, rastlos
Wenn der Organismus ganz erschöpft ist
Und sich nach Rast sehnt

Feiere
Vertraue
Dies ist ein Ritus des Übergangs
Nicht ein Fehler

Du heilst
Auf deine einzigartige Weise

Komm jetzt in Kontakt – berühre den Boden
Atme. Ein, aus
Schaffe Raum für die Besucher
Das Leid, die Zweifel, Angst, Wut
Eine Uralte Leerheit –
Sie wollen nur gefühlt werden
Sie wollen nur hindurch ziehen

Du bist ein Gefäß, nicht ein getrenntes Selbst
Du bist ein Himmel, nicht das vorüberziehende Wetter

Ein altes Leben fällt auseinander
Ein neues Leben wird geboren

Andere verstehen vielleicht nicht

Aber vertraue trotzdem
Feiere
Komm jetzt in Kontakt – berühre den Boden"

- Jeff Foster, Übersetzung Michael Kurth


Bild: Molly Belle / unsplash.com
https://unsplash.com/photos/a-xEUwYSPLw


"TRUST THE DARKNESS NOW"

"If you are lost.
If nothing makes sense anymore.
If all your reference points
have collapsed.

If the old life is crumbling now.
If the mind is foggy, tired, busy.
If the organism is exhausted
and longs to rest.

Celebrate.
Trust.
This is a rite of passage,
not an error.

You are healing
in your own original way.

Contact the ground now.
Breathe. In, out.
Make room for the visitors:
The sorrow, doubt, fear, anger.
An ancient emptiness -
They just want to be felt.
They just want to pass through.

You are a vessel, not a separate self.
You are a sky, not the passing weather.

An old life is falling away.
A new life is being born.

Others may not understand.

But trust anyway.
Celebrate.
Contact the ground."

- Jeff Foster

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Freitag, 6. Dezember 2019
Suizid Hinterbliebene schreibt Brief an Lokführer
"Ich kenne den Namen des Lokführers nicht, hätte ihm gern gesagt, dass Robbi nie gewollt hätte, einen anderen Menschen mit reinzuziehen und für sein Leben zu zeichnen."
"Ohne diese Krankheit hätte er das bedacht und nie gemacht, Robbi hatte das nicht auf dem Schirm."
"Das hätte ich dem Lokführer gern gesagt. Vielleicht liest er das jetzt. Ich hoffe, der Brief hat ihn erreicht. Es tut mir schrecklich leid und ich weiß, dass es Robbi auch so gehen würde." Teresa Enke

aus: Teresa Enke schrieb Lokführer einen Brief. Suizid von Nationaltorwart (Robert Enke) vor zehn Jahren, 4.11.19 jki/dpa, Spiegel

gesehen am 6.11.2019

Bild: Lolame | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/lilie-liliengewächs-weiss-4305904/

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Dienstag, 3. Dezember 2019
Ent-Täuschung (In der Nacht...)
In der Nacht ist Stille.
In der Nacht ist Dunkelheit.
In der Nacht ruht die Welt.
In der Nacht bleibt alles stehen wie bei einem Waffenstillstand.
In der Nacht bin ich allein mit meinen Gedanken,
Allein mit meinen Gefühlen.
Und wenn ich loslasse, ist meine Psyche im Schlaf frei
von meinen gesetzten Grenzen.
Meine Psyche lässt mein Unterbewusstsein atmen
in Gedankenspielen.
In Welten die meiner völlig fremd sind in Zeit,
Raum und Lebewesen,
aber deren Gefühle gleichen exakt der realen Welt.
Und manchmal ist es eine Welt genau wie die echte
nur mit dem Unterschied,
dass ich hier meine Gefühle nicht zurückhalte.
Hier haben sie freien Lauf.
Ich kann ihnen nachgehen ohne alles zu verlieren,
ohne auch nur eine Sache zu riskieren.
Hier trainiere ich mögliche Auswege
aus dem verfahrenen Zustand in dem ich bin.
Manchmal gefällt mir gar nicht
was mein Unterbewusstsein mir vorschlägt,
weil es gegen alles geht was und wer ich bin.
Aber die Erleichterung, die ich im Traum empfand,
fühlte sich unheimlich real an.
Zu wissen das es Auswege gibt, ist wie Folter.
Zu Wissen das man sich selbst hier reinmanövriert hat,
ist nicht bloß ein Ärgernis.
Es ist wie die Erkenntnis eines eigenen Fehlers.
Es treibt mich um und verleitet zu mehr Dummheiten.
Und als ich aufwache spüre ich eine Leere.
Als hätte ich die ersehnte Erleichterung eingetauscht
gegen alles was ich bin und gegen alles für das ich stehe.
Wer braucht schon Familie?
Wer braucht schon einen Mann?
Wozu Kinder bekommen so kurz vorm Klimazusammensturz?
Nur um sagen zu können, ich habe gelebt??
Ich habe mir das anders gewünscht.
Ich habe mir das alles anderes vorgestellt.
Aber genau das ist der Knackpunkt.
Das ist die Matrix.
Vorstellung und Erwartungen treffen
auf Realität und eigene Unzulänglichkeiten.
Ich wache nicht bloß aus meinem Schlaf und meinem Traum auf.
Ich wache auch aus meiner Vorstellung meines Lebens auf.
Da ist keine schöne Wohnung.
Da ist kein Auto.
Da ist keine Aussicht auf ein reibungsfreies Eheleben.
Da ist keine gesunde Familie.
Da ist kein Sicherheitsnetz mehr.
Da ist kein Job mehr in dem ich wirklich gut bin
und der mich weiter fordert und bildet.
Eine Branche die mal ehrwürdig war
und inzwischen wie alle andere ums Überleben buhlt.
Da ist keine Hoffnung mehr in einer Welt zu leben
in der Harte Arbeit an die vom Staat glorifizierten Ziele führt.
Der Staat zersetzt sich selbst.
Die Weltwirtschaft zersetzt sich selbst
in seinen unglaubwürdigen Lügen.
Wer will denn da noch ein Eigenheim?
Wer will denn da noch das Haus mit Garten
und weißem Zaun drumherum?
Den Hund dazu?
Die Gesellschaft in der ich lebe degeneriert sich selbst.
Da ist keine Hoffnung mehr auf Vernunft, Respekt und Rücksichtnahme.
Ich lebe in einer Welt voller Gier Einzelner,
voller manipulativer Individueen mit eigener Agenda
fernab jeglichem Gemeinschaftsinstikt.
Vielleicht spricht die Depression aus mir,
aber ich stecke definitiv fest in meinem Leben.
Ich stehe mitten in einem Scherbenhaufen
und bin es leid mich zu schneiden und auszubluten.
Aufgeben ist eine Option,
das weiß ich seit seinem Suizid.

Bild: Free-Photos | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/zisterne-wasser-architektur-stausee-918467/

Ich schäme mich diesen Vergleich überhaupt zu denken.
Ich hätte mich eher allein abgesetzt mit einer Echthaarperücke.
Ich hätte alle meine Kraft in meine physische Gesundheit
und in mein Erpartes gesteckt und mein Spanisch aufgefrischt.
Und dann hätte ich eine Reise durch Lateinamerika begonnen
durch Kuba, Dominikanische Republik, Puerto Rico, Jamaica,
Costa Rica, Kolumbien, Venezuela, Peru und Brasilien
und würde dabei das Karibische Meer und den Noratlantik
so oft durchkreuzen und durchschiffen wie nur möglich.
Nur um am brasilianischen Strand
unter all der grotesken menschlich manipulierten
Schönheit unterzugehen.
Vermutlich würde mich irgend ein Drogenkurier
bereits bei überschreiten der 2. Landesgrenze umschießen.
Aber alles besser als es selbst zu tun
und einmal wirklich versuchen als Latina durchzugehen.
Diese Vorstellung ist völlig absurd und doch machbar,
mindestens so machbar wie der Suizid.
Ich als Betroffene sollte wach nicht so reden.
Aber wenn nicht ich mit Erfahrung, wer denn dann?
Mein verstorbener Vater wird nicht darüber reden.
Im Leben erfüllt sich selten die Wunschvorstellung des Einzelnen.
Aber jeden Tag haben wir die Chance unseren Träumen nachzujagen,
ihnen zu folgen, sind sie auch noch so naiv und unwahrscheinlich.
Er hat das vergessen unter all den Lasten.
Ich habe es nicht vergessen, obwohl ich vergessen will.
Noch immer gebrochen oder nicht laufe ich
meinen lächerlich unwahrscheinlich gewordenen Träumen nach.
Ich sehe das es andere schaffen.
Ich war dabei als sie heirateten.
Ich war dabei als sie von ihren Reisen erzählten
als sie neue Wohnungen bezogen.
Ich habe ihre Kinder getroffen.
Ich weiß, ich kann wie sie werden.
Aber ich weiß auch, dass mein Weg dahin ein völlig anderer ist.
Vielleicht will mich das Leben ein mal richtig zerbrechen,
ehe es mir eine Chance schenkt.
Wir werden sehen wie ich diese Chance nehme
und wo sie mich hinführt.

15.11.19 7:32 / 1

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Montag, 25. November 2019
Antworten
Stell' keine Fragen, dessen Antwort du nicht erträgst.
Stell' keine Fragen, dessen Antwort du schon kennst.
Stell' keine Fragen, dessen Antwort
und dessen Reaktion der Erfragte jetzt nicht aushält.
Vielleicht ist es die letzte Chance den Erfragten zu befragen,
ehe er sich verschließt.
Ich bewege mich in einem sehr kleinen Spielraum
mit sehr großen Fragen.
Dennoch muss ich diese großen Fragen stellen,
bin ich es auch leid anzuecken.

Ich riskiere Narben, weil Aufgeben
keine Option mehr für mich ist.
Ich bin zu weit gegangen, habe zu viel riskiert,
habe zu viel gesehen, habe zu viel verloren
um hier aufzugeben.
Die Brücken hinter mir sind bereits abgerissen und verbrannt.
Meine Suche nach Antworten werden mich an einen dunklen Ort bringen. So viel ist gewiss.
Ob die Antworten die Heilung bringen oder mehr Verderben,
spielt fast keine Rolle mehr.
Ich will nur noch ankommen.
Mein Körper und mein Geist sind weit über ihre Grenzen
und weiter gegangen für Antworten.

30.10.19

Ich weiß nicht was mehr zerstören würde:
Vorseehung oder Gleichgültigkeit.
Vielleicht ist Ungewissheit
die einzige heilsame Antwort auf all die großen Fragen.

31.10.19

Bild: Daniel Born / unsplash.com
https://unsplash.com/photos/4JLB7Bp8W_w

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Donnerstag, 21. November 2019
"Mental health is just health"
Mike Shinoda: "It's so weird to be given a membership to this club, that I never want to be a part of. It is something I didn't have much experience [...].
For me what I learned along the way [...]: mental health we talk often now about it being like physical health. [...] Mental health should be the same way. Mental health is just health."

from: Channeling Grief and Hope with “Post Traumatic” | The Daily Show - Interview

noted 03.08.2019

Bild: Natasha Spencer | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/61oMU1P6jxc

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Dienstag, 12. November 2019
Papa hat sich erschossen...
"Er hat sich von mir verabschiedet. Es ist schaurig, dass er wusste, dass wir uns nie wieder sehen, ich aber nicht. [...]
Wir sprechen viel miteinander, trotzdem ist jeder allein. Ich versuche mich mit praktischen Dingen abzulenken, ich kündige Abos und bestelle seine Kreditkarten ab, gehe zur Bank und löse seine Konten auf. All das zu erledigen hilft mir, damit ich nicht den Boden unter den Füßen verliere. [...]
Das eine ist die Trauer, damit kann ich umgehen. Das andere ist eine höllische Angst. Ich glaube nicht, dass ich je wieder in mein Leben zurückkehren kann ohne diese Angst. [...]
Wieso ist er tot? Er war nicht körperlich krank, aber er hatte Angst davor, im Alter zu verfallen. Er hatte keine Schulden, aber Sorge, dass ihm eines Tages das Geld ausgeht. Er war einsam, aber er hat Gesellschaft abgelehnt. [...]
Till stirbt 2004 nach einem epileptischen Anfall an einem geplatzten Blutgerinnsel.
In der Nacht vom 6. auf den 7. Juli 2008 wäre mein Bruder dreißig Jahre alt geworden. Mein Vater stirbt in dieser Nacht. Er ist 67. [...]
Er hat mein Leben geprägt wie kein anderer, und er wird nicht erfahren, was aus mir wird, er wird meine Kinder nicht sehen oder bei meiner Hochzeit sein.[…]
Wenn sich alles andere ändert, ändert sich auch die eigene Rolle. Ich verliere durch seinen Tod an Selbstbewusstsein und Sicherheit. […]
Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO begeht eine Million Menschen jährlich Selbstmord.[...]
Er hat dafür gesorgt, dass ich eine beschützte, fröhliche Kindheit habe; eine glückliche Familie – mit den besten Eltern und tollen Brüdern. Vielleicht hat mir das glückliche Vorher über das schreckliche Nachher geholfen. [...]
Dennoch werde ich manchmal furchtbar wütend. Dann kann ich nicht akzeptieren, dass er mich, meine Mutter, meine Geschwister alleingelassen und sich davongestohlen hat. So ist das. Der Freitod macht den Unterschied. Es bleibt eine Schuldfrage, auch wenn niemand Schuld hat. Mein Vater hatte das Recht, zu entscheiden, wann er stirbt. Dass er am Ende seines Lebens so verzweifelt und traurig gewesen sein muss, wird immer wehtun."

aus: Papa hat sich erschossen, Saskia Jungnikl, Album, DER STANDARD, 23./24.3.2013

gefunden am 31.10.19

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Samstag, 19. Oktober 2019
Ungewissheit: Suizid
Suizid ist für mich schmerzhaft, weil ich Dinge nur schwer akzeptieren kann, wenn ich sie nicht verstehe. Es schmerzt sogar noch schlimmer, wenn ich die Dinge nicht einschätzen kann.
Ich kenne mich in Krisen. Zwar bin ich schwer vom Thema der Krise ablenkbar, aber immer verbissen und gewillt einen simplen Plan für Lösungswege zu erstellen und diese auszuprobieren bis ich einen durchführbaren Weg finde.
Ich kenne meine Schwächen und Stärken und irgendwie kann ich damit arbeiten.
Wenn ich allerdings ein Problem ohne Ansätze einer Lösung, eines Weges oder gar ohne Richtung habe, depremiert mich ein Problem so schnell, dass mein Kampfgeist schwindet und ich letargisch werde.

Suizid ist ein Problem das Mitten im Raum, Mitten in meinem Leben steht und sich weigert meine Lösungsvorschläge anzunehmen.
Suizid ist wie den Motor eines Wagens gegen die Handbremse kämpfen zu lassen. Er weigert sich zu kooperieren.

Und so versucht man Mittel und Wege ohne erkennbare oder sichtbare Besserung. Vielleicht hat das Bauchgefühl reagiert, vielleicht bildet man sich die Reaktion schon ein, weil man wund ist.
Suizid ist kein Problem für Stunden oder Tage. Es ist eine Lebensaufgabe diesen zu verarbeiten ohne ihn je wirklich zu verstehen.
Man kann Spuren vermerken und Theorien spinnen und Ideen, Fakten, Stimmungen darin verbauen und doch will ich das Innere des Suizids gar nicht ganz verstehen. Ich denke wenn ich es verstehen würde, hätte das Leben verloren und der Tod gewonnen. Ich stelle mir ihn vor wie ein tödliches Gift, dass verarbeitet zu immer währendem Schlaf führt.

Ich will Suizid nicht verstehen. Ich muss nur mit ihm Leben können. Und wenn irgend möglich will ich dabei meine Liebe für meinen Vater am leben halten.

25.9.19

Bild: birgl / pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/skulptur-kunst-statue-figur-4371970/

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