Donnerstag, 1. April 2021
Selbstaufgabe ist auch keine Lösung
In meiner Trauer habe ich viele Schuldgefühle gegenüber meinem verstorbenen Vater gefunden. Aus der Hilflosigkeit diese Schuldgefühle nicht aufwiegen zu können, entstand in meinem Fall eine Art kranker Bewältigungsmechanismus.

Ich habe mich in die Arbeit seines Nachlasses gestürzt und sehr viel meiner Freizeit aus freien Stücken diesem geopfert. Aber wie frei kann diese Entscheidung schon sein? Sie entstand aus Zwängen und Alternativlosigkeit.
Nach und nach redete ich mir ein; meine Familie mit meinem Einsatz zu beschützen. Aber auch diese Selbstlüge ging nicht auf.

Egal wie sehr ich mich knechte und aufopfere, die vielen gemischten Gefühle und Schuldgefühle verblassen nur sehr sehr zaghaft.

Ich musste mir selbst verzeihen.


21.7.20 / 22.3.21

Bild: Uplifting Content · 21. Juli 2020
Uplifting Content · 21. Juli 2020 · facebook.com
"Du bist nicht dazu verpflichtet, dich selbst anzuzünden um andere warm zu halten."

Verfasser unbekannt

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Donnerstag, 25. März 2021
2. Todestag - Flashbacks / Rückblenden
Es ist sein zweiter Todestag, aber eigentlich bin ich erst 1 Jahr und 363 Tage in Trauer. 2 Tage wussten wir nicht was geschehen war. 2 Tage wegschieben, wegdrücken, hoffen, bangen, ignorieren.
Und irgendwann dann der Anruf. Der Schock.
Rausgehen. Der Sprint.
Erst auf dem Feld allein die erste Reaktion. Zusammenkrampfen. Versteifen. Hypeventilation. Weinkrämpfe. Zittern. Erstickte Schreie. Völlige Hilflosigkeit. Panik. Adrenalinausstoß.
Anrufe.

Bild: (C) Privat
(C) privat

Erster Anruf. Meinen Bruder sprechen. Ich konnte nicht zu lassen, dass er es auch von meinem Stiefvater erfährt. Ich stehe meinem Bruder so viel näher als mein Stiefvater meinem Bruder. Seine Ungläubigkeit spiegelt meine wieder. Wir beide suchen nach Argumenten diese Aussage meines Stiefvaters zu wiederlegen. Suchen nach Missverständnissen. Wir verabreden einen Treffpunkt.

Zweiter Anruf. Dieser Anruf ist deutlich aufgewühlter und verzweifelter und freier in meiner Reaktion. Ich spreche mit meinem Lebensgefährten. Es fließen nicht mehr nur Fakten aus meinem Mund sondern Fluten von Emotionen. Er versucht mich zu beruhigen. Er hört meine hektische, verängstigte, aufgeregte Atmung. Er sagt, ich solle auf mich aufpassen, in einem Moment in dem ich mein selbst gar nicht spüren kann. Diese Mahnung von ihm hilft mir sehr. Ein weiteren Notfall braucht heute wirklich keiner.

Mein Mutter ist bereits der weitere Notfall. Zumindest glaube ich das in diesem Moment aufrichtig. Sie ist panisch und bricht beim Anblick jedes neuen Gesichts im Raum in lautes Schluchzen aus. Die Traumatologin beobachtet mein Zögern meine Mutter zu beruhigen und spricht mich an. Sie rät mir meine Mutter mit nach Hause zu nehmen, da hier im Krankenhaus nichts für sie getan werden könne. Sie sei gesundheitlich stabil. Ich nicke ungläubig, da diese Information zu Nichts in diesem Raum zu passen scheint. Die ganze Familie ist hier. Alle sind besorgt um meine Mutter, ich auch. War das nur ihre erste Reaktion im Schock?! War dieser bereits vorbei?? Ich hatte noch nie jemanden in einem Schockraum besucht, daher fand ich mich mit allem ab, auch dieser Anweisung. Es war mir im Prinzip auch egal. Zu wissen, das meine Mutter lebt, reichte mir zu diesem Zeitpunkt völlig.

Ich hatte meinen Vater verloren und konnte gar nichts greifen. Keiner von uns wusste von einer Vorerkrankung, auch keiner psychischen Vorerkrankung. Es ergab einfach keinen Sinn.

Erst die Polizisten geben mir einen Sinn hinter den Sprachfetzten, Aussagen Dritter und Emotionsfluten. Sie haben sein Auto gefunden. Seinen Leichnahm hat die Stadt B. vor zwei Tagen eingesammelt. Vor zwei Tagen hat die Lebensgefährtin meines Bruders an der Haltestelle gestanden und wegen eines Personenschadens auf ihre verspätete S-Bahn nach Hause warten müssen. Die Puzzelteile lagen da, es brauchte Wochen bis ich sie zusammensetzen, geschweige denn fassen konnte. Die Polizei hat die ersten Puzzelteile bereits zusammengesetzt und ahnt ein Bild, um es zu bestätigen bitten sie mich jetzt um Haare und Speichelproben in Form meines Vaters Bademantels und seiner Zahnbürste. Sie erklären uns wo sein Auto steht und das sie es sehen müssen um ggf. Beweise zu sichern. Um eine Fremdeinwirkung auszuschließen, haben die Polizisten das Auto im Beisein meines Bruders und mir aufgeschlossen und Spuren gesucht. Sein Handy und sein Geldbeutel waren im Auto. Er trug wohl nur seinen Schlüssel bei sich, daher die Verzögerung der Identifizierung der Leiche.

Dein Todestag war zwei Tage vergangen und wir alle haben uns die verrücktesten Szenarien ausgemalt. Hat er sich abgesetzt? Hat er meinen Großvater spontan drei Bundesländer also 443 Km entfernt besucht? Hatte er einen Unfall auf dem Weg dahin? Gab es in der neu gefundenen WG Streit? Wollte er nur abtauchen bis sich die Lage entspannte? Keines unserer ausgedachten Szenarien hatte darin geendet, dass er verstorben sein könnte. Geschweige denn, dass er sich selbst das Leben genommen hat.

Es ist seltsam in dieser Situation zu sein. Wenn dein Leben sich Stunden lang nicht wie dein Leben, sondern ein verkappter Spielfilm anfühlt. Als wäre ich gar nicht wirklich hier und hoffe aufzuwachen. Die Polizisten geben uns einen Termin zur Befragung des näheren Umfelds, also den Kindern und seinen Mitbewohnern (seine Ex-Frau und ihrem Ehemann).


Wenn ich also den 29.1.2019, deinen Todestag, Tribut zolle, fühlt es sich irgendwie falsch und veschoben an. Für mich warst du erst am 31.1.2019 tot. Und allein dieser Umstand beschämt mich in meiner Familienehre. Zwei Tage zwischen deinem Todestag und unserer Trauer um dich. Gibt es etwas das sich falscher anfühlt neben diesem Fakt? Und deinem Suizid?

Du bist zwei Jahre Tod und ich verkrampfe sowohl an jedem 29.1. als auch jedem 31.1. Das wiederkehrende schlechte Gewissen deiner Todesursache wird durch solche Umstände nur weiter befeuert.

Ich könnte eine neue Tradition einführen. Am 29.1. das Waldstück an den Gleisen entlang spazieren. Und am 31.1. zu deinem Grab gehen, ein Gebet sprechen, dir Blumen bringen.

Ich hatte mich heute völlig verausgabt bei meinem Waldspaziergang. Ich will heute und morgen einfach niemanden sehen. Vielleicht bringe ich dir nächste Woche Blumen, wenn die Blumen der Verwandschaft das welken beginnen und meine Erkältung völlig abgeklungen ist.

Du spukst mir doch sowieso im Spiegelbild zu. Wenn ich mich auf einzelne meiner Gesichtzüge (z.B. die dicken Augenbrauen oder die dunklen Haare) konzentriere, sehe ich Teile von dir in mir weiterleben.

31.1.2021 | 1

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Donnerstag, 18. März 2021
2. Todestag - Waldstück vs. Friedhof
Heute ist der zweite Todestag meines Vaters. Ich wollte aktiv meinem Vater an diesem Tag gedenken, aber ich wollte nicht an sein Grab. Die Vorstellung unter meiner jetzigen Anspannung auch nur einen meiner Verwandten zu treffen war mir zu viel. Also beschloss ich einen alternativen Weg zu beschreiten.

Ich habe mich erstmals seinem Todesort genähert. Es handelt sich um ein Waldstück in der Nähe einer, der Polizei bekannten, Gleiskurve. Diese Kurve ist unter Suizidanten beliebt, weil der Schaffner an dieser Stelle mit relativ schlechter Sicht seinen Zug beschleunigen muss und d.h. er kann nicht rechtzeitig bremsen, sobald er jemand oder etwas auf dem Gleis sieht. Mein Vater wusste das. Er war schon immer wissbegierig. Je mehr ihn etwas interessierte, je bessesener sog er das Wissen rundherum auf. (Wer weiß wo man so etwas nachliest.)

Jedenfalls habe ich schon damals beim Abholen seines zurückgelassenen Autos in dem Waldstück beschlossen, eines Tages diese Gleisstelle aufzusuchen. Sie mir wenigstens aus der Ferne anzusehen um es besser zu verstehen.

Ich vermute ich war dieser Stelle heute sehr sehr nahe. Obwohl diese Gleise fast gerade aussehen und ich mit bloßem Auge nicht sagen kann, ob es sich um diese langezogene Kurve handelt.

Die Gegend war so schön, dass ich anfangs fast vergass warum ich hier war. Aber als ich meinen Orientierungspunkt, ein Teich in der Nähe der Gleise, antraf wurde mir ein wenig mulmig. Der Kommisar meinte bereits, es sei nicht ganz einfach diese Böschung auf die Gleise runterzukommen.

Bild: (C) Privat
(C) privat

Mich trieb die Neugier, die vielen Fragen, die vielen Warums. Ich weiß nicht was ich hier finden wollte, aber ich wusste das es dort nicht sein würde. Und doch ging ich. Ich sah den Hang und wollte umkehren. Ich konnte nicht. Ich taxierte die Gegend. Ich fand einen weniger steilen Abhang/Abgang fern ab von jedem Wald- oder Betonweg und nahm den Abhang. Ich kam den Gleisen sehr sehr nah. Ich stand nur wenige Kletterschritte von den Gleisen entfernt. Sie sahen so gerade aus. War es die Stelle? Der Tag war Wolkenverhangen und natürlich wurden die Wolken dichter, kaum das ich hier und jetzt 'darüber' grübelte.

Ich bewegte mich vorsichtig. Es lag viel Laub auf dem Boden und es waren einige verregnete Tage vergangen. Also nahm ich mir ein Stock als Wanderstütze für mehr Halt. Ich war wie fremd getrieben. Ich wollte die Gleise sehen. Das mulmige Gefühl nahm zu und dennoch passierte nichts. Ich stand da, Mitten im Grünen und fragte mich erneut: Was suche ich hier? Was mache ich hier eigentlich?

Als ich einen Mann traf zuckte ich zusammen. Die ganze Zeit beschlich mich die Angst jemanden bei seinem letztem Gang zu erwischen, zu stören, zu behindern.
Wie soll man darauf reagieren? Was soll man da sagen?
"Tun Sie's nicht!", "Das Leben ist schön.", "Beenden sie nur diesen Lebensabschnitt. Setzen Sie sich doch irgendwo ab und fangen von Vorne an."... Ich weiß es nicht. Es gibt kein Rezept von richtigen Worten dagegen.

Erst als ich merkte, dass es ein ernst drein blickender Mann um die 40 oder 50 war, der aussah als könne er austeilen, fiel mir auf, dass mir hier draussen, ab vom Schuss, auch wer weiß was passieren könnte.

Kurz: Ich war in einem Drittel der Zeit wieder oben als die Zeit, die ich runter brauchte. Irrational. Es ist nichts passiert.

Es sind 2 Jahre bzw. 1 Jahr und 363 Tage vergangen und ich weiß nicht warum ein Mensch das je tun sollte. Ich bin zerbrochen in mein Leben und doch war ich nie soo am Ende, um mir so einen Gedanken zu Herzen zu nehmen. Mein Lebenswille hat schläge abbekommen, aber er war nie so zerrütet.

Bis heute kann ich es einfach nicht nachempfinden. Verstehen ansatzweise.
Nachempfinden absolut nicht.

Ich vermute das wird sich nie ändern. Hoffentlich.

29.1.21 | 2

Bild: (C) Privat

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Donnerstag, 11. März 2021
Scham: Vergleich Suizid versus Natürlicher Tod
Mir war nicht klar wie schwer es mir fallen würde Antworten auf überschaubare 13 Trauerkarten zu schreiben. Ganze zwei Tage meines Weihnachtsurlaubs habe ich hierfür benötigt. Manche Beileidskarten wirken nüchtern, klingen wie Anstandsgesten, manche Karten hingegen sind extrem persönlich und schmerzhaft zu lesen. Auf letztere angemessen zu antworten fühlt sich an wie ein Drahtseilakt. Aber ich habe schon immer mein Herz auf der Zunge getragen. Daher sind die Antworten hierauf auch persönlicher ausgefallen. Mit einer handvoll Eckdaten zum Todesfall selbst und einem Hauch meiner persönlichen Gefühle gespickt. Auch wenn ich alle Schreiben in Sie Form verfasst habe, spüre ich die Nähe der Absender zu meinem Großvater. So sehr ich mich davor gesträubt habe die Briefe überhaupt zu öffnen, so erleichtert war ich nach dem ersten Lesen.

Dieser Trauerfall schmerzt anders. Nach meines Vaters Suizid fühlt sich der Trauerfall meines 96 jährigen Großvaters nur noch wie ein Spaziergang durch unwegsames Waldgelände, wohingegen sich der Weg bei meinem Vater anfühlte wie Märsche an Märsche gereiht durch den Dschungel, die Savane, die Arktis und die Tundra. Das eine ist anstrengend, aber erträglich, das andere treibt einen ans Limit seiner Kräfte und darüber hinaus und lässt nicht viel von einem selbst übrig.

Vielleicht stumpft man auch ab mit jedem Todesfall. Vielleicht baut man schneller Schutzmauern und lässt es nicht so leicht an sich ran. Vielleicht liegt es an der eher dünn gesähten Präsenz meines Großvaters in meinem Alltag der letzten Jahre. Vielleicht bin ich einfach nur stärker oder gefestigter in meinem Charakter als früher. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass es mir diesmal leichter fällt damit umzugehen und darüber zu reden. Ausgerechnet deswegen schäme ich mich ein wenig. Ich habe meinen Großvater geliebt und er war wichtig für mein Verständnis meiner Herkunft, meiner Familiengeschichte und auch sehr sehr wichtig für viele meiner Grundwerte, ja selbst meine Verbundenheit und Freude am Backen, an Literatur, an der Natur und mein stark ausgeprägter Hang zur Gewissenhaftigkeit. Sehr vieles in mir ergab erst richtig Sinn, nachdem ich meinen Großvater als Menschen kennenlernte und nicht bloß als meine liebste Vorlesestimme von Märchenbüchern. Seine baßlastige Stimme, sein Talent stimmen nachzuahmen und sein Gefühl für Pointen hoben ihn einfach über alle anderen Vorleser ab, die ich je kannte als Kind.

Ich verzeihe mir diese Scham zu meine Trauer.
Es ist einfach wahr. Ein natürlicher Tod schmerzt mich weniger als ein unnatürlicher und gewaltsamer Tod. Wertungsverbote hin oder her.

5.1.21

Foto: Simon Berger | unsplash.com
https://unsplash.com/photos/DZi0rnYrpWc

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Montag, 16. November 2020
Loslassen
VISUAL STATEMENTS · 27. April 2020
Bild: VISUAL STATEMENTS · 27. April 2020

Dieses Zitat stammt von John Coffey aus dem Film "The Green Mile" 1999. Ein gesunder Mensch versteht die Todessehnsucht eines Suizidanten nicht, aber wenn man seinen/ihren Schmerz erkennt und verstehen lernt, kann man vielleicht seine/ihre Entscheidung irgendwann verzeihen.

Meine Vergebung hat die Trauer um meinen Vater immens erleichtert. Auch wenn ich manchmal vorrübergehend wieder rückfällig und wütend über seine Entscheidung werde. Es gibt für mich bei dem Thema kein Schwarz oder Weiß, nur unendlich viel Grau.

9.11.20

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Donnerstag, 12. November 2020
Der "perfekte" Abschiedsbrief
Wenn alles gesagt wurde, gibt es nicht viel zu ergänzen, geschweige den abzuschließen.

"Danke! Entschuldigung! Tschüss!"
(C) Netflix

aus: "Das letzte Wort" (Staffel 1 Folge 5),
Serienschöpfer: Thorsten Merten,
Autoren: Aron Lehmann und Carlos V. Irmscher,
Produktion: Dan Maag, Daniel Sonnabend
(C) Netflix | Pantaleon Films, 2020 Deutschland

Jede Suizidgeschichte von der ich seither erfahren habe, die einen Abschiedsbrief enthält, endete mit demselben Schmerz und derselben Verwirrung und derselben Trauer wie die Suizidgeschichten ohne Brief.
Anfangs habe ich in den Fakt des fehlenden Abschiedsbriefs so viel hinein interpretiert. Heute weiß ich, dass kein Abschiedsbrief bei klarem Verstand, bei gesunder Psyche, mit reinem Herzen geschrieben wurde. Ein kranker Mensch ist am Ende seines Kampfes nicht mehr derselbe wie vorher und kann gar nicht äußern wie er/sie sein/ihr Leben abschließend findet. Es ist unfassbar schwer bis zu unmöglich sich das vorzustellen. Allein deswegen sollten wir die einzelnen Worte eines solchen Briefes nie auf die Goldwaage legen. Es wäre nicht fair gegenüber der/dem Verstorbenen.

12.11./19.10.20 | 1


Musiktipp zum Thema:
"The perfect way to die" Musik-Video von Alicia Keys

Alicia Keys beschreibt ihr Lied auf Instagram: „Dieser Liedtitel ist so kraftvoll und herzzerreißend, weil WIR untröstlich sind um so viele, die ungerechtfertigt gestorben sind. Natürlich gibt es KEINE perfekte Art zu sterben. Dieser Satz ergibt nicht einmal einen Sinn.“

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Donnerstag, 29. Oktober 2020
Jim Carrey erklärt Depressionen
aus: Callie Rushton, Jim Carrey erklärt Depression auf die beste Art, die ich je gehört habe, 1.12.2017 © 2020 "Elephant Journal" | Waylon H. Lewis Enterprises, Übersetzung: Anna Mestisa.

Jim Carrey spricht über seinen Kampf mit Depressionen. Er erklärt wie schwer das Leiden unter der Depression sein kann und wie die Heilung von der Depression mit der Trennung vom Ego verbunden ist.

Wenn man an einen großartigen buddhistischen Lehrmeister denkt, ist Jim Carrey nicht der erste, der einem einfällt. Aber erstaunlich. Der jetzt stark bärtige Schauspieler, der vor kurzem einen ordentlichen Wirbel provozierte als er einen Reporter super Unannehmlichkeiten auf dem Roten Teppich bereitete, hat einige sehr grundlegende Dinge zu sagen über diese komplizierte, spaßige, schwierige und wunderschöne Sache, die wir die menschliche Erfahrung nennen:

Carrey teilt die erschreckende Erkenntnis, zu der er nach Jahren voll Ruhm kam: Es ist völlig sinnlos unser ganzes Leben damit zu verbringen, dieses zu einer bestimmten Identität unserer selbst zu kreieren und zu pflegen.

Das ist alles Ego: sich danach sehnen jemand wichtiges zu sein, jemand zu sein, zu bedeuten. In der Realität bringt uns diese Gier nach einer einzigen Identität nur Schmerz und Leiden aus drei wesentlichen Gründen. Erstens leitet es eine Trennung zwischen uns und allen anderen Geschöpfen ein, die unsere angeborene vernetzte Natur entehrt. Zweitens, es täuscht uns zu glauben, dass Dinge sich nicht verändern sollen, dass wir uns nicht verändern sollen. Drittens, es führt uns weg vom Ruhen in unserer eigenen grundlegenden Güte, weil es uns fühlen lässt als ob, wie wir jetzt sind, nicht genug sind.

Das Gegenmittel zu diesem Leiden ist diese Begierde „jemand“ zu sein loslassen. Carrey stellt es sehr schön klar: „Dieses Gefühl von Ganzheit ist ein ganz anderes Gefühl als Ich-Sein.“ Um sich vollständig zu fühlen, müssen wir von der Aufrechterhaltung einer Darstellung des ‘Ichs‘ loslassen.

Aus seiner eigenen Erfahrung zeichnet Carrey nach und verbindet diese Wahrheit zur Verfassung einer Depression: „Die Leute sprechen die ganze Zeit über Depressionen. Der Unterscheid zwischen einer Depression und Trauer ist, dass Trauer bloß Zufall ist – was auch immer dir geschehen oder dir nicht geschehen ist, oder Trauer oder was auch immer es ist. Bei einer Depression sagt dir dein Körper: ‚Fick Dich! Ich will diesen Charakter nicht mehr spielen. Ich will nicht mehr dieser Avatar sein, den du in dieser Welt erschaffen hast. Es ist mir zu viel.‘

Du solltest beim Wort Depressionen an ‚deep rest‘ (= Tiefe Ruhe) denken. Dein Körper braucht die Depression. Er braucht die tiefe ‚deep rest‘ (= Erholung) von diesem Charakter, den du versuchst hast zu spielen.“


Das ist vielleicht die beste Einschätzung von Depressionen, die ich je gehört habe.

Schenken wir uns selbst (sowieso, was ist „selbst“?) eine Pause und lassen wir los von den was auch immer Identitäten, an denen wir so schwer gearbeitet haben sie zu erschaffen.

Lasst uns anstelle dessen mit offenen Herzen und mit einem Sinn für Humor über uns selbst und über unsere Welt leben – da laut Jim Carreys Worten – nichts davon überhaupt etwas bedeutet.

Und das ist ein beruhigender Gedanken.

„In meinem Leben gibt es keinerlei Depressionen. Absolut keine. Ich erlebe Traurigkeit und Freude und Euphorie und Befriedigung und unfassbare Dankbarkeit, aber all das ist nur Wetter und es dreht sich einfach um den Planeten. Es beschäftigt mich nicht lange genug um mich umzubringen. Es sind nur Ideen.“



„Ich denke, dass jeder reich und berühmt werden und alles bekommen sollte, was er sich erträumt, um zu erkennen, dass das nicht die Antwort ist.“ – Jim Carrey

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Montag, 27. Juli 2020
Stille Wasser sind tief
Robin Williams (Schauspieler) hat meine Kindheit und Jugend mit seinen Filmen geprägt: Aladdin 1992 (I 💓 🧞Genie!), Hook 1991, Mrs. Doubtfire 1993, Der Club der Toten Dichter 1989, Good Will Hunting 1997, Patch Addams 1998. Diese Filme waren immer von Humor, Wärme, Fantasie und Hoffnung erfüllt.
Entweder das oder er hat das ganz krasse Gegenstück verkörpert, d.h. Verzweifelung, Wut, Neid, Haß z.B. in Hinter dem Horizont 1998, One Hour Photo 2002, The Angriest Man in Brooklyn 2014. Mir war vor seinem Tod nicht bewusst wie extrem gegenteilig diese Rollen doch sind.

Als ich erfuhr, dass er sich das Leben genommen hat, war ich überrascht, schockiert, traurig, gar entäuscht, nahezu verletzt. Er war der (u.a. Oscar) ausgzeichnete Weltstar. Und er war der liebevolle Geschichtenerzähler mit diesen vertrauensvollen Augen. Dennoch strahlte er trotz der abgedrehten Charaktere, die er darstellte, selbst Bescheidenheit und Ruhe aus. Wie konnte er DAS nur tun? Wie konnte er es wagen einen Trauerschleier über meine liebsten Filmcharaktere zu werfen? Wie konnte ich nichts von seinem Schmerz wahrnehmen?

Diese Ruhe, die er ausstrahlte, erinnert mich an meinen Vater. Damals, aus den Augen eines Kindes, war ich überzeugt die Ruhe komme von der gelebten Erfahrung und der gesammelten Fähigkeiten. Heute vermute ich hinter dieser Ruhe keine Ruhe, sondern eine persönliche sehr dunkle Tiefe. Als ob beide mit allem was sie in ihrem Leben taten, nur versuchten der eigenen Dunkelheit zu entkommen. Mit jedem Leuchten des eigenen Talents lenkten sie von ihrer eigenen Leere und Unerfülltheit ab. Man sollte nicht alles glauben was man meint zu sehen. Man sollte alles mit gesunder Skepsis sehen, egal wie schön die Fantasie sich anfühlt.

Stille Wasser sind Tief.
Stille Wasser sind oft genug voller Dunkelheit und Schwere, trotz oder gerade wegen ihrer Erscheinung.

23.7.2020

Bild: Unsplash.com | Thomas Vimare
https://unsplash.com/photos/IZ01rjX0XQA

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Freitag, 5. Juni 2020
SEVEN - City of Gold


Stadt aus Gold

Ich frage mich wie es dir ergangen ist, wo du bist
Und bist es wirklich du,
den ich rund herum fühlen kann seit diesem Tag
Oder nur die Hoffnung, Hoffnung dich wiederzusehen
Ich wünsche mir so sehr, dass du Frieden gefunden hast
Seit dem lebe ich mein Leben für zwei
Eins für mich, eins für dich meinen Freund
Ich würde alles geben meinen Sohn
in deinen Armen zu sehen

In der Stadt aus Gold
Wo niemand alt wird
In der Stadt aus Gold
Wo niemand alt wird
Es ist der Ort sagte man mir
Der Engel im Himmel
Sie fliegen nicht hoch
Sie sind alle ganz nah

Der Tag an dem du gingst
war der schlimmste in meinem Leben
Wie konntest du das tun
und wie konnte ich nicht sehen
Dass mein bester Freund das Schicksal bekämpft
Es tut mir so leid
Ich bete dich dort zu sehen

In der Stadt aus Gold
Wo niemand alt wird
In der Stadt aus Gold
Wo niemand alt wird
Es ist der Ort sagte man mir
Der Engel im Himmel
Sie fliegen nicht hoch
Sie sind alle ganz nah

Oh I werde dich wiedersehen

In der Stadt aus Gold
Wo niemand alt wird
In der Stadt aus Gold
Wo niemand alt wird
Es ist der Ort sagte man mir
Der Engel im Himmel
Sie fliegen nicht hoch
Sie sind alle ganz nah

aus: Seven "City of Gold, aus: "The Art is King", 2012
(C) sevenmusic records / Columbia Records / Sony Music
Übersetzung: Anna Mestisa

City of Gold Lyrics (Original)

Seven über das Lied:
"Sevens emotionale Beichte im deutschen TV"
Artikel der Schweizer Illustrierten

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Samstag, 30. Mai 2020
Suizide in Krimis
Seltsam, eine meiner liebsten Beschäftigungen in freiwilligen Quarantäne Zeiten um bei Verstand zu bleiben ist Krimi Serien ansehen.

Ich habe mich schon immer gewundert wie viel Platz in Büchereien Krimis verhältnismäßig zu allen anderen Roman Arten einnehmen. Meiner groben Einschätzung nach sind es ca. 3-mal so viele Romane. Egal in welcher Region, in welcher Bücherei, die längsten Regale sind immer die mit den mordlustigen Geschichten.

In einer Gesellschaft, die nicht mehr ihrer Natur nachkommt und ihren eigenen Proteinbedarf deckt, ohne sich mit dem tatsächlichen erlegten Tier auseinander zu setzen, ist der Blutdurst nach wie vor ungebrochen. Vielleicht ist es eine Form von Ersatz, den unser Instinkt einfordert. Außerdem je weniger wir unsere Finger schmutzig machen, je mehr trainieren wir in der Regel unser Gehirn. Daher bin ich nicht überrascht, dass wir, Menschen, noch immer eine gewisse Mordlust in unserem Wesen inne haben.

Mich überrascht nur, wie schnell ich nach einem Todesfall in der eigenen Familie, wieder in der Lage war Mordserien zu sehen und zu genießen. Anfangs habe ich mich mit dem Gedanken beruhigt, dass es etwas mit Spannung und Aufmerksamkeit zu tun hat. Wer sich konzentriert auf eine fiktive Geschichte stürzt, kann sich nicht mit sich selbst gedanklich beschäftigen. Gott sei dank.

Aber es hat sich grundsätzlich etwas an meinem Konsum von Krimigeschichten verändert. Mir ist früher nie aufgefallen wie oft Mörder versuchen, Morde wie Suizide aussehen zu lassen. Rein sachlich ist es logisch, warum nicht die Fährte auf das Opfer selbst legen. Jedenfalls höre ich viel bewusster zu als früher, wenn die Ermittler Ausschlussgründe suchen für einen Suizid. Beispiele sind häufig zukunftsorientierte Pläne: sei es die Buchung einer Reise; die finanzielle Investition ins eigene Geschäft; das Mitnehmen der Essensreste aus dem Restaurantbesuch für den Folgetag. Oft sind es Aussagen des näheren Umfelds: „Er liebte sein Leben.“; „So etwas würde sie niemals tun.“; „ Er war doch noch ein Kind.“.
Und dann ist da immer wieder dieses Gegenargument, dass bei mir inzwischen nur noch Kopf schütteln auslöst: „Es gab doch kein Motiv für einen Suizid.“.

Ich persönlich bin am meisten fasziniert von Einblicken in das Wesen und das Gedankengut eines Mörders. Bis heute bin ich überzeugt davon, dass die Mehrheit aller Menschen nicht auf die Welt kommen um Böses zu tun, sondern mit Boshaftigkeiten auf Traumas und Tragödien reagieren wie eine Art Rachetherapie. Daher verstehe ich das Bedürfnis die Motive eines Killers verstehen zu wollen. Vielleicht wollen wir nur die Mordlust in uns selbst ausschließen oder für unter Kontrolle erklären, indem wir Mörder verstehen versuchen.

Jedenfalls kann ich mit der Behauptung ein Suizid muss einen Grund haben, schlichtweg nichts mehr anfangen als diese im besten Fall zu belächeln. Es gibt so viele sinnlose Suizide ebenso wie sinnlose Morde.

23.05.20

Bild: Alexas_Fotos | pixabay.com
https://pixabay.com/de/photos/polizei-tatort-mord-spurensicherung-3284258/

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